23.07.2016

Blick nach Thüringen! Teil I

Westfassade Heidecksburg, Rudolstadt

Westfassade der Heidecksburg in Rudolstadt

Da der Sommer für viele mit Urlaub und Reisen verbunden ist, wird ein kleiner Blick über die sächsischen Landesgrenzen nach Thüringen mit seinen kulturellen Schätzen gewagt. Im ersten Teil geht es nach Rudolstadt, wo alljährlich im Sommer eines der größten und schönsten Festivals für Folkmusik stattfindet. Der bedeutendste Bau der kleinen Thüringer Residenzstadt an der Saale ist die Heidecksburg auf einem Bergsporn über der Stadt. Sie war bis 1918 die Residenz der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt. Seit der Renaissance entstand hier eine der größten Schlossanlagen Thüringens. Nach dem Brand des Westfügels 1735 wurde Johann Christoph Knöffel aus Dresden zum Wiederaufbau nach Rudolstadt berufen, wurde aufgrund seiner Arbeitsüberlastung jedoch noch vor der Fertigstellung durch Gottfried Heinrich Krohne aus Weimar ersetzt. So kommt es, dass die Außenfronten des neuen Flügels sich im sächsischen Rokoko präsentieren - die Konsole des Balkons im Innenhof könnte so auch vom Palais Hoym in Dresden stammen -, der Schlossturm und mehrere Innenräume, vor allem aber der Festsaal beschwingtes Rokoko süddeutscher Prägung zeigen.Rudolstadt, HeidecksburgSchlossturm der Heidecksburg und Konsole des Balkons im Innenhof

Weite Bereiche des Schlosses haben sich im Originalzustand erhalten und sind ein einzigartiges Dokument höfischer Innenarchitektur der Mitte des 18. Jahrhunderts. Viele Gemälde in den Innenräumen stammen vom Dresdner Hofmaler Dietrich. So ist die Heidecksburg ein Zeugnis der Begegnung zwischen sächsischen und süddeutschen Architekturströmungen. In der Stadt ist neben manch originellem Wohnhaus insbesondere die Stadtkirche zu bewundern. Sie war zugleich Hofkirche der Fürsten zu Schwarzburg Rudolstadt, die 1710 in den Reichsfürstenstand erhoben wurden. Schloss Heidecksburg (Audienzzimmer) und Stadtkirche in RudolstadtKaminachse im Audienzzimmer der Heidecksburg mit Gemälde Dietrichs und Orgel der Stadtkirche in Rudolstadt
Rudolstadt, Portal des ehem. DamenstiftesPortal des ehemaligen Bernhardinenstiftes in Rudolstadt (heute Handwerkerhof)

Etwa 20 km südlich von Rudolstadt befindet sich über einer Schleife der Schwarza die Schwarzburg, die Stammburg des Grafengeschlechtes. Mit der Erhebung in den Reichsfürstenstand wurde die aus einer Burg zum Renaissanceschloss umgebaute Anlage erheblich erweitert und verschönert, insbesondere nach dem Brand 1726. Fortan nutzten die Fürsten die Schwarzburg als Jagdschloss. Im Kaisersaaltrakt war die Geschichte des Fürstengeschlechtes dargestellt, das mit Günther XXI. 1349 einen deutschen König stellte, allerdings nur für wenige Monate. Schwarzburg, Torhaus mit Zeughaus
historisches Zeughaus der Schwarzburg mit Torhaus im Rohbau
sicherungsarbeiten am Schloss Schwarzburg 2016Sicherungsarbeiten am Schloss Schwarzburg, Stand Juli 2016

Schloss Schwarzburg, MittelrisalitMittelrisalit des erhaltenen Schlossflügels der Schwarzburg

Mit dem eigentlichen Schloss meinte es die Geschichte allerdings nicht so gut. Es sollte ab 1940 zum Reichsgästehaus umgebaut werden, wobei die nationalsozialistischen Bauherren historische Bausubstanz skrupellos entsorgten. Die Witwe des letzten Fürsten war zuvor kurzerhand enteignet worden. Durch den Krieg wurde der Bau nicht mehr abgeschlossen. Zurück blieb die beklagenswerte Ruine eines bis 1940 intakten Schlosses. Der Brand des Schlossturmes 1980 tat ein übriges. Trotzdem erhielten sich im Inneren Reste der reichen Stuckaturen (u.a. vom Festsaal). Noch ist die künftige Nutzung des Schlosses unklar, aber man hat zumindest begonnen den Bau zu sichern und vor weiterem Verfall zu bewahren. Größte Baustelle ist derzeit das Torhaus am Zeughaus. Das Zeughaus selbst ist bereits saniert und wird bis 2017 die Waffensammlung der Schwarzburger aufnehmen. Damit dürfte es das einzige wieder eingerichtete Zeughaus in Deutschland sein.Schwarzburg, KaisersaaltraktKaisersaaltrakt der Schwarzburg vom Garten aus

Nördlich von Rudolstadt befindet sich an einem Wanderweg nach Großkochberg in der Wüstung von Weitersdorf (nördlich von Teichweiden) eine wunderschöne romanische Kapelle. Ab dem 16. Jahrhundert wurde der einstige Ort zum Gut mit nur wenigen Häusern. Die Kapelle hat im wesentlichen ihre ursprüngliche Gestalt bewahren können. Seit 1996 wird das ehemals dem heiligen Bonifatius geweihte Kirchlein auch wieder für katholische Gottesdienste genutzt. Neben den barocken Grabsteinen findet sich als Kuriosum das abgebildete Mühlespiel.
Weitersdorf, romanische Kirche
Romanische Kirche von Weitersdorf, gelegen zwischen Teichweiden und Großkochberg
Weitersdorf, Kirche des 11.Jh.Mühlespiel vor der Kirche von WeitersdorfMühlespiel vor der Kirche zu WeitersdorfNach zwei weiteren Kilometern gelangt man dann zum Schloss Großkochberg, dem Sommersitz der Frau von Stein, wo auch Goethe des öfteren verweilte. Das daneben befindliche Liebhabertheater geht auf diese Zeiten zurück. Im Schloss befindet sich ein sehenswertes Museum mit Zeugnissen und Raumausstattungen der Goethezeit. Zum Abschluss kann man sich dann im Schlossrestaurant im Innenhof des Schlosses wieder stärken. Die Schlossanlage selbst entstand aus einer Wasserburg, welche seit dem 16. Jahrhundert zum Schloss um- und ausgebaut wurde. Der umlaufende Wassergraben existiert noch heute. Nördlich schließt sich noch ein im englischen Stil gehaltener Landschaftspark an.
Großkochberg, Schlossanlage
Schlossanlage von Großkochberg

[zurück]